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 Die Medien sind voll mit alarmierenden Nachrichten aus deutschen Krankenhäusern. „Krank aus der Klinik“, „OP gelungen – Patient tot“, „Operieren und Kassieren – Ein Krimi“, „Wenig Personal und reichlich Keime“, „Pflege am Limit“, „In der Krankenfabrik“ sind einige Titel der Berichte aus Einrichtungen, wo sich schwer Kranke und Verunsicherte eigentlich Hilfe und Heilung erhoffen. Erstaunlich ist nur, dass dabei fast immer der Bezug zum Lebenselixier der deutschen Krankenhäuser fehlt, zu der seit 2003 verbindlichen Finanzierung durch Fallpauschalen. Denn die Einführung der DRGs genannten Vergütung (Diagnosis Related Groups) war ein radikaler Schritt zur Kommerzialisierung eines Bereichs, der bis dahin von Werten wie Barmherzigkeit, Demut und Aufopferung getragen wurde. Der damalige Präsident der Bundesärztekammer Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hopp gab den DRGs den Titel „Der Mensch als Verlierer“. Ab jetzt werde in den Kliniken „nicht mehr der kranke Mensch und sein individuelles Schicksal, sondern der Erlös aus seiner Behandlung im Vordergrund stehen.“

Der Film „Der marktgerechte Patient“ stellt sich daher die Aufgabe, die Ursachen und menschlichen Tragödien der kompromisslosen Ökonomisierung in den Adern des Klinikbetriebes sichtbar zu machen. Dies scheint umso wichtiger, als aktuell im Nachbarland Frankreich mit den angekündigten Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen das deutsche Modell der marktgerechten Krankenhäuser als vorbildlich gehandelt wird.

In der Notaufnahme

Am Notfallzentrum der Asklepios Klinik Hamburg Altona fährt ein Rettungswagen vor. Ein Patient wird mit schmerzverzerrtem Gesicht eingeliefert. Beim Gerätetraining sei ihm ein 100kg-Gewicht auf die Fußwurzel geknallt, erklärt der ihn begleitende Freund. Nach Abwicklung der Formalitäten wird der Patient auf den Gang geschoben. Der ist schon voll mit belegten Betten. Er solle da noch ein wenig warten. Als die Schmerzen immer unerträglicher werden, sucht sein Freund nach Hilfe. Doch kein angesprochener Arzt fühlt sich zuständig. Man solle warten, es werde schon weiter gehen. Da wird der Freund etwas lautstärker. Unbemerkt tritt der Sicherheitsdienst auf, schnappt ihn am Kragen und befördert ihn aus der Klinik. Als er einige Zeit später wieder zurückkommen darf, liegt der Patient immer noch im Gang. Bis plötzlich ein Arzt erscheint. Sogleich setzt er eine Spritze. Wenn das CT frei sei, werde man sofort ein Bild des Fußes machen. Und schon ist er verschwunden. Der Patient ruft, er vertrage kein Morphium. Doch schon wird er abtransportiert.


„Loser-DRG“

In der Notaufnahme der Städtischen Klinik München-Bogenhausen ein ähnliches Bild. Schwer verwundete Patienten in Betten auf dem Gang. Überall Klagen wegen stundenlangem Warten. Hier ist man aber auskunftsfreudiger als in Hamburg. Derartige Zustände seien der Standard in den Notfallabteilungen der deutschen Kliniken, meint ein Arzt der Abteilung. Und dafür gäbe es einen Grund: „33 Euro gewährt die Fallpauschale für jeden Notfallpatient. Egal wie lange er behandelt wird, ob CT, -Röntgen oder Kernspinuntersuchungen nötig sind. Das ist auch im besten Fall nicht kostendeckend und gilt als Loser-DRG. Die Notaufnahmen jeder deutschen Klinik schreiben Defizite. Deshalb werden diese Abteilungen überall personell ausgedünnt, um die Verluste erträglicher zu machen.“ Hier werden sogar fünf eingerichtete Behandlungsräume nicht genutzt. Zudem hat gerade die Notaufnahme der zentralen Leitstelle den Status „Rot“ gemeldet d.h. Aufnahmestopp für neue Patienten wegen Überlastung. Aber selbst dann muss man hier als öffentliche Klinik alle Patienten annehmen, weil sie eine Versorgungspflicht hat. Private Kliniken haben diese Verpflichtung nicht.


Subtile Deprofessionalisierung

Berlin. Der Ärztekammerpräsident der Stadt, Dr. Günther Jonitz, kannte die DRGs schon aus den USA. So hatte er schon vor ihrer Einführung in Deutschland gewarnt, die Ärzte seien die Hauptbetroffenen. Sie würden der ärztlichen Verantwortung beraubt. Wenn ein Patient mit einer DRG-Diagnose eingeliefert wird, sei es unklug, wenn der Arzt dieser Diagnose misstraut. Jede weitere Untersuchung und möglichst auch Gespräche mit Patienten und Angehörigen muss er unterlassen, weil die DRG-Pauschale diese Zeit und die Kosten nicht deckt. Nur der Eingriff entsprechend der Eingangsdiagnose wird bezahlt. Folgt er dennoch seinem Gewissen, eine andere als die Standard-Therapie zu verordnen, riskiert er eine Untersuchung der Krankenkasse und die Verpflichtung, seiten- und stundenlang sein Verhalten zu begründen. Die Sanktionen sind jedenfalls so, dass die meisten es bald aufgeben, eigenen Einsichten zu folgen. „Ja, irgendwann verzichten viele sogar auf eigene Einsichten. Eine fatale Deprofessionalisierung von Ärzten, die den Beruf ergriffen haben, um Menschen zu heilen. Gleichzeitig lockt man die gegängelten Mediziner immer mehr mit Boni – Zusatzzahlungen nicht für Heilungserfolge. Nein, die gibt es nur für die Steigerung von Zahlen. Dieses Menschenbild von „Zuckerbrot und Peitsche“ ist eine wahre Zumutung. Es zerstört auch das Vertrauen zu Ärzten und gefährdet die Patienten.


Am Erfolg gescheitert

Wir besuchen den ehemaligen Chefarzt der Geburtenklinik der Berliner Charité. Zwei Grundübel hatte er als Chefarzt erfolgreich bekämpft. Zum einen die mangelnde Hygiene und vor allem das Vordringen multiresistenter Keime. Zum anderen die inflationäre Durchführung von Kaiserschnitten, die vielfach besser vergütet werden als die natürliche Geburt. Das hat die Abteilung zwar wirtschaftlich oft gerettet, ist aber nachteilig für die Rekonvaleszenz der Mutter, die Mutter-Kind-Beziehung und die Gesundheit des Kindes. Die Erfolge Herrn Blohmers hatten allerdings ihren Preis: Jede Verbesserung der Hygiene steigerte die Kosten, jede natürliche Geburt anstelle des Kaiserschnitts verminderte die Einnahmen. Die Defizite nahmen überhand. Deshalb musste er 2014 seinen Hut nehmen.

In deutschen Klinken sterben jährlich 40.000 Patienten an multiresistenten Keimen, praktisch ein vollbesetztes

Fußballstadion. Und die Tendenz ist weiter ansteigend. In den Nachbarländern Niederlande und Dänemark, wo keine Fallpauschalen fehlgeleitete Sparmaßnahmen erzwingen, liegen die Todesfälle durch multiresistente Keime im Promille-Bereich im Verhältnis zu einem vergleichbaren Bevölkerungsanteil.


Zurück nach München

Der Chefarzt der Geburtsklinik in München-Schwabing bestreitet vehement den ökonomischen Druck zu mehr Kaiserschnitten. Seine Klinik folge der Wissenschaft und habe den Anteil operativer Geburten von 40 auf 23% reduziert. Dabei sei das hier das städtische Zentrum für problematische Geburten. Geburtskliniken machten wegen der DRGs fast überall Defizit. Aber man sei doch dem Wohl der Patienten verpflichtet. Ein Oberarzt für Anästhesie und Betriebsrat hingegen bestreitet die Abwesenheit des ökonomischen Drucks. Zwar habe die öffentliche Klinik mehr Spielräume, weil sie nicht die Rendite der Privaten erwirtschaften müsse. „Aber ob öffentlich oder privat, man erhält für dieselbe Diagnose denselben Preis. Und die Zwänge und Regeln, nach denen eine kommunale Klinik arbeiten muss, sind nicht anders  als bei den Privaten.“ Bis 2015 erwirtschafteten die Münchner Kliniken jährlich ein Defizit von ca. 80 Millionen EURO. Um die Insolvenz zu verhindern wurde ein radikales Sanierungskonzept aufgelegt. „Dieser Weg ist weit und steinig. Wenn das jetzt ein privater Konzern übernähme, würde er es auch nicht viel anders machen: Entlassungen, Lohnkürzungen…“


Ein Sanierungskonzept der Beratungsfirma Boston-Consult

Dr. Axel Fischer, der Unterhändler von Boston-Consult, wurde dann auch Geschäftsführer des kommunalen Klinikverbunds. Das Sanierungskonzept sieht die Zusammenführung der fünf Universalkrankenhäuser in zwei Hauptkliniken vor. Dadurch soll es jede Abteilung nur noch einmal, aber dafür konzentrierter und effektiver geben. Die Münchner Bürger werden längere Anfahrtswege haben. Doch der Geschäftsführer beruhigt: „Natürlich wird es künftig überall noch Notaufnahmen und Geburtsstationen geben. Aber die umfassende Kompetenz und Expertise reduzieren wir auf eine Klinik. Vor allem bauen wir die Abteilungen mit lukrativen DRGs aus. Sie sollen wettbewerbsfähig werden, sodass ihr Ergebnis das Defizit anderer Abteilungen ausgleicht.“


Der blaue OP-Saal

Im sog. Blauen OP-Saal der Münchner städtischen Kliniken erleben eine Koryphäe des minimal invasiven Operierens. Nach seinen Wünschen wurde ein OP-Saal mit Spiegelwänden eingerichtet, deren aufgedampfter blauer Quarz antibakteriell wirkt. In der Mitte ein Patient, von dem man nur die Leistengegend sieht. In ihr verschwinden zwei Plastikröhrchen. Über allem Monitore, die das Innere des Patienten und eine kleine Zange an einem Rohrende zeigen. Der Chechirurg führt sie traumsicher und plaudert dabei mit den drei Assistenz Ärztinnen. 33.600 € erlöst die Klinik für diese minimal invasive Herzklappenoperation. Von 2008 bis 2014 stieg die Anzahl dieser Behandlung um 2180 Prozent. Der Oberarzt für Anästhesie und Betriebsrat ist sich sicher, dass viele dieser OPs auch hier ökonomisch motiviert seien. Patienten über 60 haben fast alle minimal undichte Herzklappen. Eine Operation ist da seltenst nötig. Doch die Diagnose „undichte Herzklappe“ bringt viel, viel Geld. Und die saudi-arabischen Männer, die draußen auf die OP warten, bringen noch mehr Geld.


Lukrative DRGs

2008 wurde das private Isarklinikum als Fachklinik für Operationen gegründet - direkt vor den Toren der Universitätsklinik. Deren beste Ärzte und Pflegekräfte hat die Privatklinik abgeworben. Ohne defizitäre Abteilungen, beschränkt auf optimal vergütete Operationen, kann man mit besten Noten der Krankenkassen und hohen Gewinnmargen aufwarten.  Professor Dr. Wolf Dietrich von der Universitätsklinik stört an der Neugründung, dass es keinen verbindlichen Krankenhausbedarfsplan mehr gibt. Einen zusätzlichen Bedarf für die OPs der Isarklinik gebe es nicht. Deren Einnahmequelle werde nun öffentlichen Kliniken entzogen, die damit Defizite von Abteilungen ausgleichen, die im öffentlichen Interesse unterhalten werden müssen.


Die monatliche Abrechnung

Zurück in Hamburg. Einmal im Monat zitiert die Asklepios-Geschäftsführung ihre Chefärzte zur Konferenz. Dabei geht es um Erlöse: Welche Abteilung hat die Zielvereinbarung nicht eingehalten, welche sie übertroffen? Früher waren die Chefärzte die Halbgötter in Weiß. Heute sitzen sie vor medizinischen Laien wie Prüflinge, die trotz aller Ermahnung ihre Aufgabe nicht schaffen. Eine "Ampel" signalisiert den Delinquenten, ob die Abteilung genug Fälle hat, vor allem ob genug schwere. Die Abteilung Allgemeine Innere Medizin liegt dem "Case-Mix-Index" zufolge, also der durchschnittlichen Fallschwere der Pauschalen, mit rund 6,3 Prozent und in der Hämatologie sogar 8% hinter dem Plan. Die als Loser Gebrandmarkten werden immer kleinlauter.


Klima der Angst

Franzi Meinhard, Kardiologin in der Asklepios Klinik St. Georg, hat gekündigt. Jetzt will sie Klartext reden: „Wenn überhaupt einer in diesem Haus es wagt, die Zustände zu kritisieren, dann wird das im besten Fall missachtet. Meist wird aber nur mit üblen Folgen gedroht, sollte man die Fallzahlen nicht erreichen. Dabei erleben auch Skrupelloseste ethische Konflikte: Muss heute nicht doch noch ein „Fall“ umgemünzt werden in eine lukrative Operationsindikation? Muss ich noch eine als Informationsveranstaltung getarnte Werbeaktion für niedergelassene Ärzte machen, damit sie mehr Patienten schicken?“ Nicht nur die Ärzte selbst hängen ab vom Erreichen der vorgeschrieben Erlöse. Auch die Zahl der Pflegekräfte und Physiotherapeuten, die Ausbildung der Assistenzärzte und sogar das Weiterbestehen ganzer Stationen. Über allem schwebt stets das Damoklesschwert der Zusammenlegungen und Schließung. Ob das den Patienten nutzt, ist sekundär.


Krankenhäuser als öffentliche Daseinsvorsorge

Viele unserer heutigen Krankenhäuser wurden in den 1960er – 1990er Jahren errichtet. Ziel war es damals, entsprechend dem Sozialstaatsgebot eine hochwertige Gesundheitsversorgung in der Fläche zu gewährleisten. Dabei war es gesellschaftlicher Konsens, dass politisch Verantwortliche ihrer Verpflichtung zur Daseinsvorsorge nachkommen, dass die Kliniken eine soziale Funktion haben und nicht dem Markt unterworfen sind. Erbaut und erhalten wurden sie mit Steuergeldern. Die Behandlung der Patienten bezahlten die gesetzlichen Krankenkassen nach dem Prinzip der Selbstkostendeckun


Die angebliche Kostenexplosion

Seit Mitte der 90er klagten aber viele Unternehmen über steigende Sozialabgaben durch höhere Krankenkassenbeiträge. Die Kostenexplosion des Gesundheitswesens war plötzlich in aller Munde. Ökonom Prof. Dr. Michael Hartmann bezweifelt diese Explosion. In seinen Studien belegt er, dass die Gesundheitskosten im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt seit Jahrzehnten stagnieren. Aber warum stiegen dann die Krankenkassen-Beiträge? Sie werden aus der Lohnsumme bezahlt. 1982 betrug diese Lohnsumme noch 77% des Volkseinkommens. Bis 2007 sank ihr Anteil aber auf 65%. Die Lohnabhängigen haben also in diesem Zeitraum 12% am gesamtwirtschaftlichen Kuchen verloren. Die Kapitaleigner haben mehr, Lohnabhängige weniger. Die aus der relativ geringeren Lohnsumme bezahlten Krankenkassenbeiträge mussten daher um 12% steigen. Nur so konnten die Gesundheitsausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt gleich bleiben. Nein, nicht die Gesundheitskosten waren explodiert. Um im Bild zu bleiben: „Nur“ die Löhne sind relativ implodiert! ..


Medizinischer Bedarf weicht dem Kriterium Erlös

Die Einführung der DRGs sollte die Kostenexplosion stoppen, Krankenhäuser effizienter machen, Verluste und Gewinne erlauben. Damit wurden die Kliniken erstmals auch für private Investoren attraktiv, die hier eine neue Einkommensquelle entdeckten. Asklepios Klinik Hamburg-Altona. Nachts flirren fluoreszierende Werbesprüche über die Mauern „Bei uns erwartet Sie Roboterchirurgie“. Wir schauen in die Abteilung für Allgemeine Innere Medizin. Ältere Menschen wirken in ihren Betten dehydriert, verwirrt, aber auf jeden Fall alleingelassen. Diese Abteilung werde mit der Onkologie zusammengelegt, erklärt der ärztliche Direktor Prof. Dr. Volker Ragosch. Die durchschnittliche Fallschwere liege weit hinter dem Plan. Der drohende Einnahmeverlust mache Handeln nötig. Die Zusammenlegung bringe die Digitalisierung voran und erziele Synergieeffekte. Ärzte und ein Pfleger hasten durch den Gang. Stellung nehmen zu dem geplanten Umbau will hier niemand. Dafür klärt uns Kardiologin Franzi Meinhard auf: Die Onkologie war berühmt, die Behandlung stets auf höchstem Niveau. Doch die Fallpauschalen in diesem Bereich machten es schwer, die Planvorgaben zu realisieren. So sind diese Abteilungen eingedampft  und die beiden Chefärzte entlassen worden. „Die Zusammenlegung der Inneren und der Onkologie ist eigentlich nur die Fortsetzung des Abbaus gegen Null, da sich fachlich keinerlei sinnvolle Verbindung ergibt.“


Fatale Folgen der Fallpauschalen

Bezeichnend ist, dass in der Ankündigung des 17. Europäischen Gesundheitskongresses 2018, auf dem sich die Größen der Gesundheitspolitik und des medizinischen Business treffen, den deutschen Kliniken zwar gute Noten bescheinigt wurden. Die größte Sorge sei aber, „dass viele Ärzte und Pflegekräfte nicht mehr gerne in ihrem Beruf arbeiten und sich andere Berufe suchen“. Die Flucht aus dem Krankenhäusern ist für PflegerInnen bereits real, weil sie trotz unsäglichem Stress nicht mehr zur wirklichen Pflege der Patienten kommen. Aber auch die meisten Ärzte sind es leid, gezwungen zu sein, in erster Linie auf die Profitabilität ihrer Abteilung zu achten. Mit fatalen Folgen für die Patienten. Die meisten Erfahrungsberichte berichten davon dass es keine Betreuung vor und nach der OP mehr gibt. In vielen Fällen kam nicht mal ein Arzt um die operierte wunde nachzu untersuchen.


Keine Alternative?

Fallpauschalen per se sind nicht schlecht“, meint Professor Dr. Wolf Dietrich vom Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte. „Aber Deutschland ist das einzige Land der Erde …, wo die Vergütung ausschließlich durch DRGs erfolgt“. Andere Länder wie Dänemark nutzen die DRGs nur zu Abrechnungszwecken. Aber dort überlasse man die Krankenhausentwicklung nicht einfach dem Markt. Ein Masterplan hat mit dem Bau großer neuer Krankenhäusern die Zahl der Krankenhausbetten und die Verweildauer drastisch reduziert – und damit auch die Kosten. Aber das ganze Setting um die Krankenhausbehandlung ist anders als in Deutschland. Angehörige dürfen bei den Patienten im Zimmer schlafen, damit z.B. alte Menschen nicht so verwirrt werden und schneller nach Hause können. In der eigenen Kommune gibt es pflegerische Einrichtungen, wo die entlassenen Patienten z.B. physiotherapeutisch weiter betreut werden. In Deutschland erfolgt die OP zwar ebenso professionell und schnell. Da aber nur der Eingriff bezahlt wird, wurden viele Physiotherapeuten entlassen. Es fehlen die Hilfen nach der OP. „So steigt bei uns die Zahl der Patienten, die z.B. nach der Hüft-OP doch nicht mehr laufen können (in einem alterheim landen statt wieder nachhause zu kommen“

 Ungerechte Öffentlichkeit?

Der Asklepios Konzernchef  Thomas Wolfram  findet es ungerecht, dass sein Konzern  in  der Öffentlichkeit so schlecht wegkommt. Eigentlich seien ja die Länder für die Investitionen der Krankenhäuser zuständig. Da die nicht ausreichend zahlen, müsse Asklepios selbst investieren. Doch ohne die 12% Gewinn sei das nicht möglich. Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks möchte das nicht auf sich sitzen lassen. Immerhin habe das Land 2016 mehr als 300 Millionen Euro in Hamburgs Asklepios-Kliniken investiert und damit den Konzern auch reicher gemacht. Außerdem habe Asklepios bei der Privatisierung sieben Großkliniken, ein Unternehmen mit 12.600 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von 1,2 Mrd. Euro faktisch geschenkt bekommen.


In München verantwortungsvoller

In Hamburg gibt es ein breites Bündnis gegen den Pflegenotstand. Es kritisiert, dass 100.000 Pflegekräfte in Deutschland fehlen. Gudrun Klausner macht hier mit. Für sie ist aber die erste Forderung, dass bei Minderbesetzung durch Pflegekräfte verbindlich Betten gesperrt werden. Doch der Asklepios Geschäftsführung sei ja wohl der Erlös wichtiger als die Verantwortung für fahrlässig versorgte Patienten und verzweifelte Pflegekräfte.

In den Münchner kommunalen Kliniken hat die Pflegeleitung einer Intensivstation auch das Problem des Pflegekräftemangels. Allerdings wurden hier als Folge der Minderbesetzung sechs der vierzehn Betten gesperrt! Und die verbliebenen acht Betten können nur gehalten werden, weil die Klinik großzügig Leiharbeitskräfte als Pflegekräfte anheuert. Dies sei aber eine schlechte Lösung. Leiharbeiterinnen verdienen mehr als die Stammangestellten, denen dann doch die Kleinarbeit bleibt, wenn die Leih-Pflegerinnen gehen. Das macht viel böses Blut. „Im Grunde sind die DRGs für diese Fehlsteuerung verantwortlich. Ca. vierzig Prozent der Arbeitszeit werden für die DRG-Dokumentation verschwendet. Was nicht dokumentiert ist, kann nicht abgerechnet werden. Auch die Ärzte verlieren durch die Dokumentation ähnlich viel und oft auch noch mehr Arbeitszeit. Allerdings sind es Ärzte, die in den Zeiten der Fallpauschale die Fälle schaffen. So stellt man jederzeit zusätzlich Ärzte ein – der Erlös soll nicht leiden. Aber Pflegerinnen  schaffen kein Fälle. Ihre Einstellung ist erlöstechnisch nicht wichtig.“


Verbindliche Bettensperrung

Die Pflegerinnen der Berliner Charité streiken wieder. 2015 hatten sie Personalbemessungsrichtlinien erstritten. Tatsächlich hatte die Charité seither 260 neue Pflegekräfte eingestellt. Allerdings konnten die Beschäftigten nichts von einer Entlastung spüren. Seit dem Bericht der Klinik für 2016 weiß man auch warum. Die Charité hat in diesem Zeitraum  ihre Leistung um achtzehn Prozent ausgeweitet. Deshalb ist jetzt das Streikziel: Verbindliche Bettensperrung bei Unterbesetzung. Die Pflegerin Grit Wolf, Mitglied in der Tarifkommission: „Nur mit der Zwang der Bettensperrung spürt die Klinik ökonomisch den Druck, genügend Pflegepersonal einzustellen


Teurer und die Gewinne steigen

Günther Jonitz, der Berliner Ärztekammerpräsident: „Wären die DRGs ein Medikament, müsste man sie mit sofortiger Wirkung vom Markt nehmen. Die versprochenen Wirkungen sind ausgeblieben, und alle Nebenwirkungen sind eingetreten.“ Mit der Einführung der DRGs versprach man sich bei allen Nachteilen eine Reduzierung der Kosten. Zwar ist die mittlere Verweildauer auf 7,4 Tage gesunken. Dafür sind aber die Fallzahlen stark gestiegen. Denn mit den DRGs kann im Wesentlichen nur eine Hauptdiagnose behandelt werden. So werden entlassene Patienten oft schon am nächsten Tag mit einer anderen Diagnose wieder eingeliefert. Ein neuer Fall bringt neues Geld. Allein von 2005 bis 2016 stiegen die Fallzahlen um 18,6%! So stiegen auch die Kosten der Krankenkassen. Und damit auch die Erlöse der privaten Kliniken – sogar um 106%!


Arme Klinken – reicher Konzern

2015 kaufte der Asklepios-Eigentümer Bernhard große Broermann, das Hamburger Nobelhotel Atlantik, u.a. um für die Gewinne nicht zu viel Steuern zu zahlen. „Asklepios“ ist der griechische Gott der Heilkunst, der von Zeus mit einem Blitz erschlagen wurde, weil dieser Angst hatte, durch Asklepios werde kein Mensch mehr sterben. Hätte Zeus nur den modernen Asklepios gekannt. Aber eigentlich wäre für den Konzern der Name „Hermes“ viel treffender gewesen nach dem Gott der Händler und der Diebe.

   

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